Tag 27

Hinter Alta

Siebenundzwanzigdrei. Nach meinem gestrigen Abend mit Merida und einer kühlen, mückenfreien und somit erholsamen Nacht, ließen wir es heute Morgen ruhig angehen. Erst nahmen wir uns Zeit beim Kaffee und dem in-Ordnung-bringen unserer Sachen und dann auch auf dem Asphalt. Wir haben jetzt nur noch drei Lauftage und langsam werden wir uns der Endlichkeit des Projektes bewusst. Und so hat auch dieses Tun zwei Seiten, wir sind froh und glücklich wenn wir uns am Sonntag auf die Schultern klopfen und es gepackt haben und wir sind schon jetzt ein klein wenig wehmütig darüber, dass dieses Leben auf Zeit bald vorbei ist. Laufen, Landschaft gucken, Leute treffen, essen, ausruhen, Späße machen, noch mehr essen, Blog schreiben, schlafen… Bald ist das längste Trainingslager, das ich je hatte zu Ende, eine Zeit in der man nah dran war an seinem Läuferkörper, an seinen Reaktionen auf beinahe 70 km täglich. Für mich wäre das glaube ich das Richtige gewesen, ein Leben in Zeiten in denen man das Mammut Tage lang verfolgt hat.
Wo ich gerade über den Läuferkörper im Allgemeinen spreche. Im Speziellen sieht das wie folgt aus. Gestern zeigte sich in Steffens rechtem Oberschenkelbeuger eine harte Stelle, groß wie ein Wachtelei. Heute Morgen war das Ding immer noch da und meldete sich auch während des Laufes immer mal wieder. Besonders unangenehm war es immer nach den Trinkpausen, dann musste sich Steffen erst wieder in Schwung humpeln. Vielleicht eine Muskelverhärtung aufgrund der Dauerbeanspruchung. Eine Massagistin wäre jetzt hilfreich, obwohl der Sportfreund nicht unbedingt auf so etwas steht. Also probiert er es mit der Hausapotheke und dem Unterbewusstsein: Voltarengel und Durchhaltebefehl an den Körper. Bei mir zeigen sich ebenfalls Problemzonen. Nein, andere, ich meine die Achillessehnen und ein Areal am linken Innenknöchel. Diese Baustellen sind mir seit Jahren bekannt, zu Hause setze ich das Training einfach aus und erhole mich dann sehr schnell. Für solch eine Strategie fehlt hier natürlich die Zeit. Aber auch für mich gilt das Prinzip Unterbewusstsein und Imaginieren. Dann liege ich im Bett und stelle mir vor wie ich an der Kugel dort oben zwar nicht unbedingt munter, dennoch aber gesund einlaufe. So machen es, Buddy, keine Widerrede!       
Noch ein Sätzchen zur Landschaft. Nach Alta ging sie dann sehr schnell dazu über so auszusehen wie das was Direktor Köhler wohl Tundra genannt hätte. Nun, so isses wohl auch. Kein Baum, kaum ein Strauch, so was wie Heidekraut (?), Schafwirtschaft, endlose Weite, sanfte bis kräftige Hügel (500-600 m), Schnee auf den Höchsten von ihnen, irre Wolken und hungrige Bremsen. Als ich mich nach dem Lauf wie ein Mann im eiskalten Bach wusch musste ich mich der perfiden Viecher erwehren. Man stach mich mehrfach zwischen die Schulterblätter. Was für schlechte Charaktere die Dinger haben!
Sooo, morgen passieren wir die Orte Skáldi und Russenes, nachdem wir heute schon an Russeluft vorbei gelaufen sind. Schon lustig hier, die Strecke wird bei aller landschaftlichen Schönheit dennoch wieder knallhart. Da bin ich mir sicher.

Euer Holger  

noch 200 km

noch 200 km ...

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