Hingucker in der Schule des Sehens

Viele Besucher und viele Angebote / BFW Halle (Saale) beeindruckte am traditionellen Tag der offenen Tür

Halle (Saale). Eine schöne Selbstverständlichkeit erlebte eine erfolgreiche Neuauflage. Die Rede ist vom Tag der offenen Tür des Berufsförderungswerkes (BFW) in Halle (Saale), der sich immer wieder als wahrer Besuchermagnet erweist. So auch bei seiner jüngsten Auflage. Stolz und zufrieden schauen die Gastgeber auf das bunte Treiben. Aufwand und Mühe haben sich gelohnt. Viele fleißige Hände leisteten im Vorfeld ganze Arbeit und meisterten erneut eine logistische und organisatorische Herausforderung. Das BFW war wieder bestens für den Besucheransturm gerüstet. Und den Gästen bereitete es am Tag der offenen Tür einmal mehr sichtliches Vergnügen, durch das Areal zu lustwandeln. Sie erlebten einen beeindruckenden Spaziergang durch eine Stätte, in der sich Tradition und Moderne harmonisch begegnen. Da sind die altehrwürdigen, denkmalgeschützten Gebäude, die Anfang der 1990er Jahre neuen Glanz erhielten. Rund 30 Millionen flossen alles in allem in umfangreiche Bauarbeiten. Das etwa 25000 Quadratmeter große Terrain gefällt zudem durch seine großzügigen, liebevoll gepflegten Parkanlagen. Erholsames Grün neben dem Gelb-Rot der Backsteine aus der Kaiserzeit, als historischen Ort, an dem Menschen mit Sehbeeinträchtigungen seit über 100 Jahren zur Schule gehen und wohnen.

Freilich haben sich im Laufe der Zeit die Bedingungen geändert, geblieben ist hingegen das Ziel. Menschen mit Sehbehinderung sollen - oder besser - können lernen, neue Möglichkeiten und Perspektiven für sich zu entdecken und zu nutzen. Dafür gibt es eine breitgefächerte Palette an Angeboten. Einen interessanten Einblick präsentierte der Tag der offenen Tür. Bewährte Partner des BFW, wie etwa Hersteller von Hilfsmitteln, zeigten ihre Produkte. Ebenso informativ waren die Präsentationen verschiedener Projekte rund um das Leben mit Sehbeeinträchtigung damals und heute. Wichtige Partner, die bei solch einem gut besuchten Ereignis nicht fehlen dürfen, sind zum Beispiel Rententräger und Arbeitgeber. Schließlich ist es das gemeinsame Interesse, dass sie verbindet, auch Blinde und Sehbehinderte wieder in Lohn und Brot zu bringen. Sei es nach erfolgreicher Qualifikation in der alten, gewohnten  Tätigkeit oder nach entsprechender Umschulung im neuen Beruf. Das geschieht zwischen den Tagen der offenen Tür. Dann unterrichten fachlich geschulte Lehrer und erteilen auf Wunsch auch gern Beratung, individuell abgestimmt auf die Bedürfnisse des Einzelnen.

Das BFW gibt seinen Schülern, hier gern auch Rehabilitanden genannt, genauso außerhalb des Lehrplans ein Zuhause. Die Küche sorgt für das leibliche Wohl, und das Wohnheim-Team komplettiert neben der professionellen Kompetenz der Ausbilder mit seiner zuvorkommenden, hilfsbereiten Freundlichkeit das Rundumsorglos-Betreuungsangebot. Davon konnten sich die Besucher des Tages der offenen Tür mit seinen vielen Hinguckern eindrucksvoll überzeugen: Ein Aufenthalt in der Schule des Sehens macht sicherlich einen Blinden nicht wieder sehend, aber kann ihn durchaus in die Lage versetzen, wieder seinen Beitrag in der Arbeitswelt zu leisten.  In den allermeisten Fällen funktioniert das.


Meinungen:

Kerstin Kölzner (Geschäftsführerin des BFWs Halle/Saale):

Kerstin Koelzner Wir schlüpfen jedes Jahr in die Rolle des Gastgebers, diese Tradition erlebe ich seit ich hier bin, seit 2001, mit. Jahr für Jahr bereiten wir uns intensiv auf diesen Höhepunkt vor. Die ersten Gespräche beginnen bereits im Januar, ab März geht es in die Details. Wir achten darauf, Themen und Angebote zu verändern und neue Schwerpunkte zu setzen. In diesem Jahr waren das beispielsweise das Bundesteilhabegesetz und das Elektroauto. Unverändert bleiben hingegen Programmteile, die sich bewähren. So erfreut sich, um an dieser Stelle nur ein Beispiel zu nennen, die Hilfsmittelausstellung allein schon wegen der modernen Geräte und der guten Gespräche einer anhaltend großen Beliebtheit. Das gilt sowohl für die Besucher als auch für die Hilfsmittelhersteller, die jedes Mal sehr zufrieden sind. Nicht nur für sie lohnt es sich, alle Jahre wieder dabei zu sein. Das ist ein Erfolg, den sich viele berechtigt zuschreiben können. Mitarbeiter und Rehabilitanden bringen sich gemeinsam ein und arbeiten professionell zusammen. Dafür möchte ich allen Beteiligten vor und hinter den Kulissen an dieser Stelle herzlich danken.


Kay Senius (Chef der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt/Thüringen von der Bundesagentur für Arbeit):

Kay Senius Uns verbindet seit nunmehr 25 Jahren eine wirklich gute Zusammenarbeit. Wir haben hier ein sehr spezielles BFW, weil man sich insbesondere um die Frage kümmert, wie orientiere ich Menschen mit Sehbehinderung in der Arbeitswelt und in der Berufswelt neu. Da wächst einmal für uns eine ganz normale Partnerschaft auf, weil wir natürlich auch Träger der beruflichen Rehabilitation sind. Deshalb sind wir sehr froh, dass wir hier am Ort und am Standort so eine Einrichtung haben. Wir sehen natürlich ein, dass das Thema demografische Entwicklung, dass das Thema inklusive Arbeitsgesellschaft auch immer wieder neue Herausforderungen für Reha-Einrichtungen bedeutet. Reha-Einrichtungen müssen Teilnehmerzahlen bringen, um kostendeckend arbeiten zu können. Dann nehme ich hier vom BFW insbesondere auch auf, dass man sich gegen diese Entwicklung nicht stemmt, sondern diese Entwicklung mit gestaltet und eigentlich die Produktpalette, die in der Infrastruktur eines BFWs angesiedelt ist, auch erweitert und auch den allgemeinen Themen der Arbeitsmarktintegration öffnet. Das verstehe ich als gute Impulsgebung, zu sagen  und deutlich zu machen, unter den geänderten Rahmenbedingungen habe ich eine Idee, wie ich es weiter entwickeln kann. Das ist nämlich gerade hier, im BFW, ganz stark.


Eva-Luise Kruschwitz (ehemalige Mitarbeiterin. Lehrerin für Punktschrift):

Eva-Luise Kruschwitz Ich besuche hin und wieder gern meine alte Arbeitsstätte und bin auf alle Fälle beim Tag der offenen Tür dabei. Ich bin über die Anzahl der Besucher in diesem Jahr erstaunt. Guter Zulauf, gute Werbung. Ich denke mal, auch die Angebote sind verlockend. Heute ist das nicht mehr zu vergleichen mit meiner Zeit hier während des Umbaus Anfang der 90er. Doch danach, als alles fertig war, war auch für uns alles perfekt.


Henry Bockenkamm (Mitarbeiter der Firma LVI Deutschland, Niederlassung Berlin):

Henry BockenkammWir zeigen heute hier vor allem Kamerasysteme und Lesegeräte für den mobilen und stationären Einsatz. Ich bin quasi schon von Anfang an dabei, der Tag der offenen Tür ist eine sehr gute Veranstaltung, die sich immer wieder lohnt.







Jessica Mohr (ehemalige Rehabilitandin und künftige Mitgründerin der Firma Höhepunkte, Leipzig):

Jessica MohrIch war von 2011 bis 2013 hier zur individuellen Schulung, lernte den Umgang mit Computertechnik und die Blindenschrift. Die Zeit hier hat sich auf jeden Fall gelohnt. Ich habe danach noch kurz in meinem alten Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin an der Uni in Magdeburg gearbeitet und mich dann entschieden, doch zur Stadtverwaltung zu wechseln. Dort bin ich Sachbearbeiterin im Bereich EU-Fördermitteln.


Tino Stelzner (Rehabilitand aus der Nähe von Merseburg):

Tino StelznerWir, die KBM-Klasse, stellen heute hier als Projekt unsere Arbeitsplätze vor. Zuletzt war ich Kaufmann für Bürokommunikation, jetzt erweitere ich das noch einmal zum Kaufmann für Büromanagement. Seit Februar 2016 bin ich am BFW in Halle und habe das Ziel, am Ende in den Beruf auch einzusteigen.




Dagmar Hartmann (Reha-Ausbilderin, Fachlehrerin für Deutsch und Sport):

Dagmar HartmannSeit 2007 bin ich hier und unterrichte den kaufmännischen Schriftverkehr und Deutsch. Das macht mir übrigens viel Freude, kein Wunder bei solch tollen Rehabilitanden. Gerade für sie ist so ein Tag wie heute ein besonderer Höhepunkt, auf den sie sich seit Wochen intensiv vorbereitet haben. Das geschah im Rahmen eines Projektes, welches sie heute mit einem Büro aus den 1970ern bis hin zur modernsten Ausstattung, die auch arbeitsmedizinischen Anforderungen entspricht, präsentieren. Besonders gefreut habe ich mich darüber, heute auch einen ehemaligen Rehabilitanden wiedergesehen zu haben, der inzwischen eine feste Anstellung als Informationstechniker bei der Bundeswehr gefunden hat. Das ist erfolgreiche Wiedereingliederung, die bei uns in mehr als 70 Prozent unserer Absolventen gelingt. Das ist natürlich eine schöne Bestätigung und Ansporn für unsere Arbeit zugleich.


Katrin Gensecke (Inklusionsbotschafterin, gefördert durch die Aktion Mensch, und Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V.):

Katrin GenseckeDas heute hier ist für mich eine Premiere und ich bin begeistert vom ganzen Ambiente und der Herzlichkeit. Ich folgte gern einer Einladung, um über die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am ersten Arbeitsmarkt zu sprechen. Indes hätte ich mir für meinen Vortrag mehr Arbeitgeber als Zuhörer gewünscht, denn die wollte ich in erster Linie erreichen. Unbestritten ist vor allem auch mit dem neuen Bundesteilhabegesetz schon viel erreicht worden, aber es besteht gleichwohl noch großer Handlungsbedarf.



Text: Dietmar Kreiß (Rehabilitand im BFW Halle (Saale))
Fotos: Ramona Schulze (Teamkoordinatorin Bereich Elektronische Hilfsmittel)

Ihre Ansprechpartnerin:

Elke Busching

Kontakt- und Clearingstelle
Elke Busching

Tel.: 0345 1334-666

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