Tag 20


Naapari, kurz nach Gällivare

Fangen wir mal mit den Füßen an: sie schmerzen ganz ordentlich. Nach dem gestrigen Ritt durften wir heute etwas Buße tun und die Schmerzen die gesamte Etappe über genießen. Stopp, so sind wir beide gar nicht drauf, die Schmerzen genießen. Aber es erinnert einen wieder an die Laufdisziplin ohne die wir das Ziel nicht erreichen würden. Und obwohl wir heute eigentlich genug haben von allem schmieden wir sofort einen Plan das Nordkap betreffend. Dieses Nordkap ist nämlich nur der über eine Straße zu erreichende nördlichste Festlandspunkt Europas. Zu Fuß, und das ist ja momentan unsere Spezialität, erreicht man nach weiteren 13 km in nordwestliche Richtung den, der, die oder das Knivskjelodden, den nun wirklich absolut nördlichsten Punkt. Der soll es, der muss es als Finale dann doch noch sein. Die Kamera wird unser Zeuge.
Von den Füßen zum feuchten Wetter. Gestern Abend noch lagen wir gemütlich auf den Bänken eines sehr schönen Rastplatzes, erfreuten uns am Sonnenschein und den warmen Temperaturen, heut Morgen war dann wieder einmal alles anders. Regen und 12 Grad weniger. Aber ich will euch nicht langweilen, denn bei Kilometer 12 wurde ich mal auf eine andere Art als durch Rentiere, Seitenspiegel im Straßengraben oder Riesenmücken abgelenkt. Es kam von hinten und war ein Geräusch bei dem man instinktiv den Kopf einzieht. Die wahrscheinlich schwedische Luftwaffe näherte sich im Tiefflug, gleich mehrfach, und vollführte dabei auch noch die eine oder andere Drehung. Es war schon ein bisschen beängstigend. Erstmalig hatte ich das Mitte der neunziger im schottischen Urlaub erlebt, als die KM (Sigi, den Begriff hab ich von dir!) und ich wandernd in der schönsten Einsamkeit durch den Schall zweier Jets beinahe umgehauen wurden. Bei meinem Ehrendienst in der Nationalen Volksarmee im FLA-Raketenregiment III in Hohenmölsen mussten wir stundenlang Schattenrisse von Fliechzeuchen der Nato aber auch des Warschauer Paktes, ääh, der Warschauer Vertragsstaaten im Über- und Vorbeiflug üben. Jet frontal von unten, seitlich, halbseitlich, viertelseitlich, von oben, ach was weiß ich nicht noch alles. Lang ist’s her, heute kann ich gerade noch eine Untertasse identifizieren. Mein ehemaliger Schulkamerad und jetzt-dank-seiner-Ehefrau-auch-Läufer Bruno (Achtung, Spitzname!) war wenn ich mich recht erinnere zu Erichs Zeiten der stolze Besitzer eines Abos der Flieger Revue, einem Blättchen, das, wie auch andere Blättchen in anderen erloschenen politischen Systemen, Militärtechnik ausführlich erläuterte. Und vielleicht auch glorifizierte, mit bunten Bildern und so. Nun gut, ich denke Bruno wird’s nicht mehr haben, ich bin nicht mal mehr Reservist und in Schwedisch Lappland ist auch wieder Ruhe eingekehrt.          
Morgen biegen wir in ein paar Kilometern in Svappavaara rechts ab Richtung Finnland. Ja, das mit den vielen doppelten Vokalen in Ortsnamen wird jetzt immer mehr. Find ich ganz nett. Nicht schlecht klingen aber auch Orte ohne Voks, wie das Schweizer Bergdorf Vna. Wenn man das unter Freunden beim 3. Bier zum Besten gibt hat man schnell die Lacher auf seiner Seite.
Euer Holgerson

 

 Berufsperspektiven für Menschen mit Seheinschränkungen