Tag 30

Geschafft !!!

Zieleinlauf ... ohne Wort ...

Steffen,Holger und die Bürgermeisterin mit Amtskette am Kap!!!

Steffen, Holger und Bürgermeisterin mit Amtskette am Kap !!!

Tag 29

Nordkap Insel Mageroya

Neunundzwanzigeins. Und danach – is Ritze, oder wie Steffen nicht jugendfrei formuliert - Sa…, aber das gehört hier nicht her. Hier her gehören zweifelsfrei die heute auch wieder zahlreichen Rentiere, die sowas von die Ruhe weg haben. Dennoch versuchte ich kurz vor Schluss der Etappe eins von ihnen aus der Reserve zu locken indem ich meine Arme zum Geweih formte und auf es zuging. Interessant dabei, sobald es mich sah, und Rentiere sehen im Allgemeinen wirklich gut, brachte es Spannung in seinen Körper und als ich noch ein wenig näher komme stellt es die Hinterhaxen weit auseinander, ganz genau wie Ronaldo vorm Freistoß. Was folgt ist ein kurzes Getrappel auf der Stelle und dann entfernt es sich. Ich gestehe mir meine Niederlage ein und sehe zu, dass wir die Kilometer zu Ende bringen. Zur Belohnung fanden wir dann auch einen klaren Gebirgsbach, in dem wir uns waschen konnten. Zuerst beabsichtigte ich mich mit dem schönen kühlen Nass zu übergießen, da ich natürlich voller Salz bin und eine Abkühlung Not tut, nachdem ich mir aber das Gesicht gewaschen habe verwerfe ich meinen Plan. Wahrscheinlich lag das Wasser am Vormittag noch als Schnee am Berg oben rum und jetzt will es mich erkälten.
Unsere Knochen werden nicht besser! Zwei Mal mussten wir unterwegs kurze Dehneinheiten einlegen, da Steffens Oberschenkelbeuger, ihr erinnert euch sicher an das Wachtelei, weiterhin rumzickt. Jetzt liegt er im Bett und Steffen auch und wir hoffen sehr, dass wir das morgen noch über die Runden bringen. Wir haben noch ungefähr 42 Kilometer, die könnte man zur Not auch mit hochgebundenem Bein bewältigen, aber es hätte schon mehr Stil aufrecht das Nordkap zu erreichen.
Für unsere letzte Nacht vor dem Ziel haben wir noch einmal eine großartige Stelle am Fjord gefunden. Die Sonne lacht und Steffen und ich sind nach dem Essen noch mal einen Berg raufgehumpelt von dem man einen fantastischen Rundblick hat. Türkisfarbenes Wasser, Berge diesseits und jenseits des Fjordes, rote Norwegerhütten, Möwen auch hier, liebe Ingrid und eine Luft zum Reinbeißen. Und jetzt ist wohl auch der Zeitpunkt gekommen, die Karten auf den Tisch zu legen. Sehr geehrte Frau Kölzner, vielen Dank, dass sie dieses Projekt möglich gemacht haben. Alles hat so toll geklappt, wir sind weit gekommen…und würden gern noch weiter gehen. Herr Klitschka und ich haben uns entscheiden, wenn wir schon so weit gekommen sind, dass wir bis zum Nordpol durchstarten. Hiermit reiche ich also den Urlaub für die nächsten zwei Jahre ein. Den Urlaubsschein bekommen sie bei meiner Rückkehr im April 2014.

Euer Holger

Dürrfisch aus Dorsch zum Trocknen aufgehängt

Dörrfisch aus Dorsch zum Trocknen aufgehängt

herrliche Fjordlandschaft und Xavi

Herrliche Fjordlandschaft und Xavi

Tag 28

Russene, ein Ort

Achtundzwanzigzwei. Leute, Leute, nur noch zwei Tage und die finden in ausnehmend schöner Umgebung statt, entlang des Porsangenfjords. Und das ist gut so, denn wir brauchen Zerstreuung. Hier wird nämlich das Been dicke, wie der Preuße sagen würde. Das was sich gestern schon andeutete, hat sich heute bei Steffen manifestiert. Musste mich darauf hin als Masseur verdingen. Ob's geholfen hat wird sich morgen zeigen. Ansonsten war die Strecke aber sehr nett (siehe Bilder) und das Ganze auch noch mit Rückenwind. So waren wir trotz "Wachtelei an Oberschenkel" guter Dinge, zumindest bis nach dem Abendessen, denn dann las ich welche Mautgebühren in der Nähe des Nordkaps auf uns zukommen. Erstens midestens 25,-€ pro Person (Stand Reiseführer 2011) als Eintritt in die nähere Nordkapregion plus zweitens Straßen- und Tunnelmaut von 45,-€ für den Transporter und uns drei - one way !, dass heißt, dass drittens noch mal 45 Euronen für den Rückweg anfallen. Lieber Kämmerer der Nordkap-Kommune, weißt du denn nicht, dass Habgier eine der Totsünden ist? Ich verstehe das nicht, sicher müssen Straßen und Tunnel irgendwie finanziert werden, aber sollte das u.E. nicht ausschließlich durch die Touris geschehen. Bei den tausenden von Besuchern jährlich muss es doch mit der Hälfte der Maut auch funktionieren, oder watt?     
Nun gut, wir wollen uns davon aber nicht das Projekt verderben lassen. Und dass uns das auch gelungen ist soll das Bild "Läufer mit Hund" beweisen. Nachdem wir einen sehr schönen Platz zum Schlafen gefunden hatten (null Mücken, ein Fluss mit trinkbarem Wasser, gutes Wetter) leckten wir unsere Wunden und nahmen die Füße hoch. Heutiger Tagesschnitt: 6:08 min/km, verbratene Kalorien: 5778 kcal, qualmende Socken: 2 Paar. Meine beiden Paare Schuhe haben gut durchgehalten, sind nach gleichmäßiger Einsatzdauer (am Ende also je 1000 km) aber auch so gut wie am Ende, wobei der GEL Volt 33 insgesamt noch einen besseren Eindruck macht. Frubiase und Eiweißpulver haben wir nur leicht weniger verbraucht als kalkuliert, dafür stieg der abendliche Zuckerverbauch bei mir in Form von Rosinen und Bitterschokolade, bei Steffen in Form von Vollmilch-Nuß und schwedischem Dünnbier.
Wir sind trotz der nun wirklich brennenden Beine euphorisiert, da wie schon erwähnt unser Ende naht, na ja, ihr wisst schon... Kathrin ist sicher auch ein wenig froh darüber, denn dann kann ich sie die 3200 km back to Germany beim Autofahren unterstützen und Steffen kann sich um Xavi den Staubsauger kümmern. Da er als Labrador Retriever und in der Hoffnung Fressbares zu finden nie die Schnauze von der Erde nimmt, muss man stetig gefasst sein, dass er irgendetwas frisst was vielleicht nicht so geeignet ist für einen Hundemagen. Gestern fanden wir im Gebüsch fünf abgeschlagene und halbverweste Schafsköpfe. Es war ein ständiger Kampf ihm klar zu machen, dass es sich hierbei, zumindest aus unserer Sicht, um Pfui handelt. Nun, es ist uns gelungen.
Zwanzig Uhr drei, es stürmt und draußen ist es recht kühl. Mein Laufpartner hat für heute sein Maßband schon abgeschnitten, Kathrin ebenso. Ich hätte Lust auf'n Bier in der Dorfkneipe, nur ist diese weit weit weg und ich komme momentan sowieso an keinen Kredit ran. Dann geh ich halt bis zum Dunkelwerden spazieren!

Euer Holger   

Steffen und Xavi entspannen auf der Wiese 

Steffen und Xavi entspannen auf der Wiese

Regenzwangspause im Wohnmobil

Regenzwangspause im Wohnmobil

Tag 27

Hinter Alta

Siebenundzwanzigdrei. Nach meinem gestrigen Abend mit Merida und einer kühlen, mückenfreien und somit erholsamen Nacht, ließen wir es heute Morgen ruhig angehen. Erst nahmen wir uns Zeit beim Kaffee und dem in-Ordnung-bringen unserer Sachen und dann auch auf dem Asphalt. Wir haben jetzt nur noch drei Lauftage und langsam werden wir uns der Endlichkeit des Projektes bewusst. Und so hat auch dieses Tun zwei Seiten, wir sind froh und glücklich wenn wir uns am Sonntag auf die Schultern klopfen und es gepackt haben und wir sind schon jetzt ein klein wenig wehmütig darüber, dass dieses Leben auf Zeit bald vorbei ist. Laufen, Landschaft gucken, Leute treffen, essen, ausruhen, Späße machen, noch mehr essen, Blog schreiben, schlafen… Bald ist das längste Trainingslager, das ich je hatte zu Ende, eine Zeit in der man nah dran war an seinem Läuferkörper, an seinen Reaktionen auf beinahe 70 km täglich. Für mich wäre das glaube ich das Richtige gewesen, ein Leben in Zeiten in denen man das Mammut Tage lang verfolgt hat.
Wo ich gerade über den Läuferkörper im Allgemeinen spreche. Im Speziellen sieht das wie folgt aus. Gestern zeigte sich in Steffens rechtem Oberschenkelbeuger eine harte Stelle, groß wie ein Wachtelei. Heute Morgen war das Ding immer noch da und meldete sich auch während des Laufes immer mal wieder. Besonders unangenehm war es immer nach den Trinkpausen, dann musste sich Steffen erst wieder in Schwung humpeln. Vielleicht eine Muskelverhärtung aufgrund der Dauerbeanspruchung. Eine Massagistin wäre jetzt hilfreich, obwohl der Sportfreund nicht unbedingt auf so etwas steht. Also probiert er es mit der Hausapotheke und dem Unterbewusstsein: Voltarengel und Durchhaltebefehl an den Körper. Bei mir zeigen sich ebenfalls Problemzonen. Nein, andere, ich meine die Achillessehnen und ein Areal am linken Innenknöchel. Diese Baustellen sind mir seit Jahren bekannt, zu Hause setze ich das Training einfach aus und erhole mich dann sehr schnell. Für solch eine Strategie fehlt hier natürlich die Zeit. Aber auch für mich gilt das Prinzip Unterbewusstsein und Imaginieren. Dann liege ich im Bett und stelle mir vor wie ich an der Kugel dort oben zwar nicht unbedingt munter, dennoch aber gesund einlaufe. So machen es, Buddy, keine Widerrede!       
Noch ein Sätzchen zur Landschaft. Nach Alta ging sie dann sehr schnell dazu über so auszusehen wie das was Direktor Köhler wohl Tundra genannt hätte. Nun, so isses wohl auch. Kein Baum, kaum ein Strauch, so was wie Heidekraut (?), Schafwirtschaft, endlose Weite, sanfte bis kräftige Hügel (500-600 m), Schnee auf den Höchsten von ihnen, irre Wolken und hungrige Bremsen. Als ich mich nach dem Lauf wie ein Mann im eiskalten Bach wusch musste ich mich der perfiden Viecher erwehren. Man stach mich mehrfach zwischen die Schulterblätter. Was für schlechte Charaktere die Dinger haben!
Sooo, morgen passieren wir die Orte Skáldi und Russenes, nachdem wir heute schon an Russeluft vorbei gelaufen sind. Schon lustig hier, die Strecke wird bei aller landschaftlichen Schönheit dennoch wieder knallhart. Da bin ich mir sicher.

Euer Holger  

noch 200 km

noch 200 km ...

Tag 26

Vor Alta

Sechsundzwanzigvier. Was war das Bemerkenswerteste des heutigen Tages? Wir sind bisher (Stand 20:05 Uhr) noch nicht nass geworden. Hurra, darauf einen trockenen Rotwein, Skoll. Wie es so is im Leben (hört, hört!), wenn etwas schlecht beginnt wird es dann oft besser. Das Wetter erwähnte ich bereits und dann noch die Landschaft. Prädikat heute: breathtaking, atemberaubend, grandios. Wir laufen durch einen Canyon und das hilft uns dabei die schmerzenden Knochen zu vergessen. Heute gab es aber auch Anstiege, mein lieber Herr Nordhug. Der Beste von allen war 3,2 km lang bei angezeigten 6-8 % Steigung. Ja, sind wir denn hier in den Alpen, den Rockies oder dem Himalaya? Ehrlich gesagt wäre mir nach 1700 gelaufenen Kilometern schon das Riesengebirge zu viel, aber wir müssen es nehmen wir es kommt. Steffen fand es auch nicht so prickelnd, dass wir auf unsere letzten Tage noch Berge bekommen, aber als der Mark Wilmots unter den Läufern kämpft er sich da auch noch durch, sagt er. Jawohl!
Ansonsten gibt es heute irgendwie gar nix zu berichten. Ein ganz normaler Tag, langweilig eher, sogar das Wetter fällt ja als Aufhänger flach. Für ein Resümee (sieht nach NeuDeuRecht doch irgendwie doof aus, oder) ist es ebenso zu früh wie für Danksagungen an all jene ohne die dieses Projekt nie… Ach wisst ihr, dann lese ich jetzt mein Buch weiter und gehe früh schlafen.  

Euer Holgerson

Berg auf,Berg ab ...

Berg auf,Berg ab ...

Tag 25

Norge, zwischen Kautokeino und Maze

Fünfundzwanzigfünf! Wir laufen heute Morgen über die Norwegische Grenze und müssen Blicke von Beamten über uns ergehen lassen, die nur wenig von Bewunderung zeugen und viele Fragen aufwerfen. Uns juckt das nicht, kratzen müssen wir uns einzig wegen der Moskitostiche.
Es ist kurios, aber 500 m hinter der Grenze empfängt uns Norwegen, das Land vieler Weltklasse Skisportler und auch das Land der mürrischen Wencke, mit Regen den wir in dieser Intensität noch nicht hatten. Außerdem sieht der Himmel aus wie beim Jüngsten Gericht. Wir haben’s schon nicht einfach und langsam reicht es auch. So campen wir heute am Fluss Kautokeinoeiva, der sehr schöne Angelspots und eine gute Gelegenheit bereithält, gesunde Fettsäuren zu sich zu nehmen. Unser Nachbar hat unter Vollschutz zwei Forellen an Land befördert, die voll lecker aussahen, wie bereits erwähnt müsste man aber die gesamte norwegische Outdoorindustrie bemühen, um nicht an Mückotitis zu erkranken. Mir bleiben für den Moment also nur die Hoffnung auf bessere Zeiten, mein Platz im Fahrerhaus mit Rechner und finnische Kardamomvollkornkekse.
Läuferisch war es neben dem obligatorischen Regen heute ziemlich heavy, da wir wie es scheint jetzt profilierteres Terrain bekommen, vorbei isses mit dem tischebenen Gelände und heute hatten wir den kräftigen Wind noch als Unterstützung von hinten. Sollte der sich gegen uns wenden, werden die letzten rund 300 km noch zu einem ganz harten Ding.
Es ist 21 Uhr und die Sonne lässt sich noch mal blicken. Wir haben großartiges Licht und sind leider im Transporter gefangen. Kathrin und Steffen haben sich schon hingehauen. Wir drei fragen uns, ob ein Leben in einer Gegend wie Nordskandinavien für uns Mitteleuropäer denkbar wäre. Was uns natürlich großartig gefällt sind die entspannte Mentalität der Menschen, die Weite und die Allgegenwart von Natur. Was uns zweifeln lässt sind im Sommer die Viecher (Mücken: ich erwähnte sie glaube ich schon), vielleicht auch die viele Monate nicht untergehende Sommersonne und die harten, langen Winter mit 100 Tagen null Sonne (dann ist es weitere acht Wochen auch noch nicht sooo prall). Wir sind uns da nicht ganz sicher, müssen das ja auch nicht hier und heute beantworten, aber wir haben in der kurzen Zeit hier einige Leute getroffen, die das alles gern in Kauf nehmen.
Morgen brechen wir auf in Richtung Alta am Europäischen Nordmeer, dahin wo die Garnelen von Aldi wohnen. An einem Tag ist das nicht zu schaffen, unsere Vorfreude darauf ist aber schon groß, da wir dort den Altafjord sehen werden. Und last but not least: Lieber Frank, alter Süd-Sorbe und Freund, alles Gute zu deinem heutigen Geburtstag. Freue mich sehr auf die Frau Schlehe!

Euer Holger (norwegischer Vorname, und zwar wirklich!)  

Norwegischer Grenzübergang

Norwegischer Grenzübergang

Berglandsschaft mit Schnee in Sichtweite

 Berglandschaft mit Schnee in Sichtweite

Tag 24


Finnland

Terve! Wir sind in Finnland und endlich in der EU. Ein Land für das ich durchweg positive Gefühle hege. Als mich Ulf achtundneunzig im Rahmen eines EU-Projektes ins Berufsförderungswerk holte hatten wir sehr viele und nette Kontakte mit finnischen Kollegen. Oft trafen wir uns hier oder dort zum Gedankenaustausch und lernten sehr viel über die Kultur des jeweils anderen. Die finnische Sprache ist für uns eine Katastrophe, sofort verstanden haben wir nur das Wort Taxi, nach einigem Üben lernten wir Worte wie kitos (danke), kippis (Prost) oder olut (Bier). Momentan ist ja das Wort hyttinen (Mücken, für die Rechtschreibung übernehme ich keine Garantie) brandaktuell. In einem Projekt Dezember waren wir mal in Rovaniemi am Polarkreis und besuchten den Weihnachtsmann, denn dort wohnt schließlich der echte. Der Finne als solcher ist „schwermütig, versoffen und vom Tango besessen“ (Zitat: Aki Kaurismäki, großartiger finnischer Regisseur über seinesgleichen). Mit diesen Gedanken im Turnschuh passierte ich also heute Morgen den Grenzfluss und war gespannt ob sich für mich nach über 10-jähriger Suomi-Abstinenz neue Dinge ausmachen lassen. Das oder besser der erste Mensch den ich sah war ein feister Finne in einem Minibagger, der uns in der Nase bohrend anschaute als wären wir diejenigen über die man sich Gedanken machen müsste. Was mir danach positiver auffiel war, dass dieser sehr schmale Zipfel Finnland, der von Norwegen und Schweden droht erdrückt zu werden sehr viel moderner und zivilisierter daher kommt als die letzten 150 Kilometer Schweden. Die hat man in der zentralen Planwirtschaft ganz schön vernachlässigt.

Mit der Querung des Flusses veränderte sich die Landschaft zusehends. Aus den langen und am Ende vorwiegend flachen schwedischen Geraden wurde eine Gegend, bei der man jetzt höchstens 100 m weit gucken kann weil dann nämlich die nächste Kurve kommt. Zu unserem Leidwesen hat die Eiszeit hier einige Hügel vergessen und wie der kundige Läufer weiß, ist bei einem gewissen Ermüdungszustand bereits der geringste Höhenunterschied ein schier unüberwindbares Hindernis. Insgesamt betrachtet war der Läufertag vierundzwanzigsechs ein pomadiger, bei dem uns die Leichtigkeit fehlte. Hinzu kommen die völlig verblödeten Myggas, ach nein, hyttinen, die uns bei den Trink- und anderen Pausen ziemlich malträtieren. Vor zwei Tagen versprachen uns zwei Biker die vom Kap kamen, dass es 200 km davor deutlich ruhiger werden würde mit den Dingern. Ja, sicher, und die Erde is ne Scheibe.

Euer Holgerlainen  

Großeinkauf für die nächsten Tage 

Großeinkauf für die nächsten Tage

   

Tag 23

Karesuando, ein Elchwurf vor Finnland

Unsere letzte Nacht auf schwedischem Boden, läuferisch gesehen. Wir sind in Karesuando, dem Ort diesseits des Grenzflusses Jietaloki. Und jenseits auf der finnischen Seite, die uns mit der blau-gelben Flagge der Europäischen Union begrüßt, liegt das Dorf Kaaresuvanto. Wir lesen den ersten Hinweis auf’s Nordkap: vierhundertvierunddreißig Kilometer. Wir lesen’s und freuen uns, spinnen uns zu recht wie es sein könnte am 7. Juli gegen 15 Uhr, denn das soll der Zeitpunkt unserer Ankunft sein. Die Bürgermeisterin der Nordkapgemeinde Karin Trallalla wird dann vor Ort sein, um uns in unsere müden Gesichter zu schauen.
Heute Morgen hat es mal wieder geregnet wie aus Kannen uns so haben wir ausgeschlafen und uns erst spät auf die Piste gemacht. Die Nacht war erträglich, wir haben tatsächlich mehrere Stunden schlafen können, denn die liebe Kathrin hat uns ein Mückennetz über unsere Köpfe gebastelt. Und weil wir so schön ruhig und vom Regen frustriert beim Morgenkaffee aus dem Auto glotzten, durften wir einer Rentiermamma und ihrem Jungen beim Fressen zuschauen. Die Etappe war dann nicht so schlecht, da der leichte aber andauernde Regen für gute Kühlung der Systeme sorgte. Dennoch waren wir am Ende durch und zwischen den Zehen entdeckten wir die Vorboten von Schwimmhäuten. In den letzten Tagen konnten wir in Sachen Laufwetter ein schwedisches Muster entdecken: auf einen Regentag folgt noch ein Regentag und dann, mit etwas Glück, ein Sonnentag. Danach beginnt alles von vorn.
Morgen passieren wir die ziemlich große finnische Ortschaft Enontekiö, die vielen von uns ja bekannt ist aus Funk und Fernsehen. Von dort sind es nur noch 50 Kilometer bis Norwegen, der Schweiz Skandinaviens, und wir werden noch mal richtig zuschlagen bei Diesel und Lebensmittel. Außerdem hoffe ich sehr auf Internetzugang, damit ich mal wieder die Berichte und Bilder absetzen kann. Morgen Abend sind es dann nur noch sechs Lauftage und wir hoffen sehr, dass Knochen und Allgemeinbefinden das Kap erleben. Momentan würden wir nämlich gern auch mal die Beine lang machen und ohne die ständige Mücken-hab-acht-Stellung einen Tag verbringen. Aber gut nun mit der Jammerei. Selbst gewähltes Leid…

Euer Holgerlainen

Holger u.Steffen als Grenzgänger nach Finland

Holger und Steffen als Grenzgänger nach Finnland

Hinweisschild mit Hinweis zum Nordkap - nur noch 434 km

Hinweisschild zum Nordkap - nur noch 434 km

Tag 22

Hinter Övre Soppero

Wir laufen täglich über 65 km, insgesamt 2000 an 30 aufeinander folgenden Tagen und denken, dass genau darin die Leistung bestünde. Doch letzte Nacht wurden wir belehrt, von Mücken, und zwar eines Besseren. Vergesst alles was ihr über diese Tiere wisst, was ihr gehört oder auch selbst erfahren habt. Das hier war zehn Mal schlimmer. Der Campground mutete von vornherein schon eigenartig an, wirkte trotz besetzter Rezeption so verlassen. Wir rechneten damit, dass jeden Moment kugelförmiges Dornengestrüpp über den staubigen Platz weht.
Das Abendessen verlegten wir aufgrund der vielen Myggas bereits in den Transporter. Gegen elf hopste ich ins Obergeschoss, wollte eigentlich schlafen, aber dann ging es los. Es surrte an jeder Ecke, ich klatschte eine nach der anderen ans Autodach oder bereitete sie zwischen den Händen für’s heimische Tierherbarium vor, doch es half nix, rein goar nix! Irgendwann schlossen wir die Gaze verhangene Autotür und meinten, dass das des Pudels Kern sein müsse. Oh, ihr Einfallspinsel, daneben gedacht. Als letzte Möglichkeit der Vermeidung des kollektiven Wahnsinns durch Insektensurrrrrrr und Angst vor Stichen schlossen wir die Dachluke. Ihr ahnt sicher was passierte, richtig, genau das und was blieb war ein ziemlich stickiger Transporter und Schlaflosigkeit. Wir killten dutzende von den Viechern und konnten einfach keinen Schlaf finden. Gegen 5 Uhr muss es dann doch passiert sein, leider mussten wir 7 Uhr aufstehen und fühlten uns wie erschlagen. Selbst der Morgenkaffee wirkte nur mäßig und so schleppten wir unsere müden Körper nicht enden wollende Kilometer und viele Stunden über den Läppischen Asphalt. Jetzt nach dem Abendessen sind wir alle ziemlich kaputt und hoffen auf eine bessere Nacht. Und das sieht erst einmal auch ganz gut aus, denn immerhin konnten wir im Freien essen.
Morgen, liebe Freunde der gepflegten Algebra, zählen wir zweiundzwanzigacht am Morgen und dreiundzwanzigsieben am Abend. What a great number! Und dann heißt es umflaggen, denn wir werden am Montag in Finnland einreiten. Aber auch das nur für 99 km, spricht 1,5 Tage, denn dann schlüpfen wir in den Norweger Pullover und ab zum Finale. Zum Thema Norwegen, Oslo. Meine Eltern berichteten am Telefon gerade, dass es in Oslo eine Mückenplage geben soll. Das-will-ich-sehen! Wahrscheinlich ist einem Journalisten des Oslo Dagblatt ein Mückenpärchen an zwei aufeinander folgenden Tagen begegnet und der machte dann eine riesen Sache daraus, was Graues mit Rüssel. Soll er mal hier zu uns nach Sämmäräinen Luspavaara kommen. So geht Plage.

Euer Holgerson

Schwedischer Schilderwald

Schwedischer Schilderwald

Tag 21

Bei Vittangi

Sorry, aber es ging wirklich nicht anders. Hinter Naapari mussten wir ins Auto hüpfen! Als wir gestern in N. vor Anker gingen war noch alles okay. So schien es uns zumindest, denn trotz der Vereinigung von E10 und E45 und unser 6 Kilometer die wir darauf zurücklegten, fiel es uns nicht auf. Waren wahrscheinlich unterhopft. Doch heute konnte man die Tatsachen nicht mehr ignorieren. Die Straße ist auf einer Länge von ca. 45 km sehr eng, enger als alles was wir vorher belaufen hatten. Am Rand gab es keine Markierung was wie in einem früheren Bericht bereits erwähnt nicht gerade optimal für Steffens Orientierung ist. Was dem Ganzen jedoch die Krone aufsetzte war der regenreichste und dunkelste Tag we ever had. Hinzu kam ein extrem dichter Verkehr. Wir glauben, dass der Grund dafür die Stadt Kiruna ist, das unumstrittene kulturelle Zentrum der Region, zu dem viele Fahrzeuge hinstreben. Außerdem geht’s ja dann noch weiter auf die Inselgruppe der Lofoten. Bei den horrenden norwegischen Mautgebühren ziehen es viele Norweger vor über Schweden zu fahren. Aber zurück zum Kampftag auf der Straße oder besser gesagt zu unserer Verweigerung eines Risikos, welches wir nicht mehr kontrollieren konnten. Wir hüpften also rein und müssen nun 45 km weniger auf der Habenseite verbuchen. Mit einem Bier versuchten wir heute Abend dieses Defizit auszugleichen, ohne dass ich euch genau erklären könnte wo da der Zusammenhang ist.
Die Zahl des Tages: Einundzwanzigneun. Klingt schon nicht schlecht, oder? Wenn man so viele Stunden und Kilometer laufend oder-und in Stille unterwegs ist wie wir es seit einundzwanzig Tagen sind, denkst man über Gott und die Welt nach. Mindestens. Dann fallen einem entweder Dinge wieder ein, die man in seinem Hirn schon lange versenkt hatte oder es fallen einem Dinge auf, für die man sonst keine Achtsamkeit aufgebracht hätte oder man nimmt sich vor, wenn man erst einmal wieder zu Hause ist, Dinge zu erledigen, die man schon lange erledigen wollte und die man aber nicht erledigt hat weil es bisher immer einen guten Grund für ihr Verschieben gab. Und selbst wenn es vorkommt, dass sich deine Gedanken wiederholen und du dich vielleicht sogar im Kreis damit drehst würdest du am Ende der Etappe nie sagen, dass es langweilig war, so wie etwa Physik bei Herrn Becherer im Abitur. Obwohl, Physik bei Herrn Becherer war alles andere als langweilig, aber das lag weniger am Fach…
All die Stellen meines Körpers die nicht durch Kleidung geschützt sind werden seit ein paar Tagen von Mücken attackiert. Auch die Stellen die normalerweise durch Kleidung bedeckt sind und nur unter bestimmten Umständen am Tag zwei, drei Mal bei einem Bedürfnis entblößt werden, sind den Bissen der Viecher schutzlos ausgesetzt. Wir hoffen sehr, dass sich das bald zum Besseren wendet, dann nämlich wenn die baumlose Gegend beginnt, die wir aus dem Video des Transeuropalaufes Bari-Nordkap kennen.           
Und noch was kryptisches für Insider: Andy, fb, Müritzlauf 2013? Checkt das doch mal bitte. Danke.

Euer Holgerson

beängstigender Verkehr für "Randläufer"

beängstigender Verkehr für "Randläufer"

zwei Regenläufer in der Gischt

zwei Regenläufer in der Gischt

Tag 20


Naapari, kurz nach Gällivare

Fangen wir mal mit den Füßen an: sie schmerzen ganz ordentlich. Nach dem gestrigen Ritt durften wir heute etwas Buße tun und die Schmerzen die gesamte Etappe über genießen. Stopp, so sind wir beide gar nicht drauf, die Schmerzen genießen. Aber es erinnert einen wieder an die Laufdisziplin ohne die wir das Ziel nicht erreichen würden. Und obwohl wir heute eigentlich genug haben von allem schmieden wir sofort einen Plan das Nordkap betreffend. Dieses Nordkap ist nämlich nur der über eine Straße zu erreichende nördlichste Festlandspunkt Europas. Zu Fuß, und das ist ja momentan unsere Spezialität, erreicht man nach weiteren 13 km in nordwestliche Richtung den, der, die oder das Knivskjelodden, den nun wirklich absolut nördlichsten Punkt. Der soll es, der muss es als Finale dann doch noch sein. Die Kamera wird unser Zeuge.
Von den Füßen zum feuchten Wetter. Gestern Abend noch lagen wir gemütlich auf den Bänken eines sehr schönen Rastplatzes, erfreuten uns am Sonnenschein und den warmen Temperaturen, heut Morgen war dann wieder einmal alles anders. Regen und 12 Grad weniger. Aber ich will euch nicht langweilen, denn bei Kilometer 12 wurde ich mal auf eine andere Art als durch Rentiere, Seitenspiegel im Straßengraben oder Riesenmücken abgelenkt. Es kam von hinten und war ein Geräusch bei dem man instinktiv den Kopf einzieht. Die wahrscheinlich schwedische Luftwaffe näherte sich im Tiefflug, gleich mehrfach, und vollführte dabei auch noch die eine oder andere Drehung. Es war schon ein bisschen beängstigend. Erstmalig hatte ich das Mitte der neunziger im schottischen Urlaub erlebt, als die KM (Sigi, den Begriff hab ich von dir!) und ich wandernd in der schönsten Einsamkeit durch den Schall zweier Jets beinahe umgehauen wurden. Bei meinem Ehrendienst in der Nationalen Volksarmee im FLA-Raketenregiment III in Hohenmölsen mussten wir stundenlang Schattenrisse von Fliechzeuchen der Nato aber auch des Warschauer Paktes, ääh, der Warschauer Vertragsstaaten im Über- und Vorbeiflug üben. Jet frontal von unten, seitlich, halbseitlich, viertelseitlich, von oben, ach was weiß ich nicht noch alles. Lang ist’s her, heute kann ich gerade noch eine Untertasse identifizieren. Mein ehemaliger Schulkamerad und jetzt-dank-seiner-Ehefrau-auch-Läufer Bruno (Achtung, Spitzname!) war wenn ich mich recht erinnere zu Erichs Zeiten der stolze Besitzer eines Abos der Flieger Revue, einem Blättchen, das, wie auch andere Blättchen in anderen erloschenen politischen Systemen, Militärtechnik ausführlich erläuterte. Und vielleicht auch glorifizierte, mit bunten Bildern und so. Nun gut, ich denke Bruno wird’s nicht mehr haben, ich bin nicht mal mehr Reservist und in Schwedisch Lappland ist auch wieder Ruhe eingekehrt.          
Morgen biegen wir in ein paar Kilometern in Svappavaara rechts ab Richtung Finnland. Ja, das mit den vielen doppelten Vokalen in Ortsnamen wird jetzt immer mehr. Find ich ganz nett. Nicht schlecht klingen aber auch Orte ohne Voks, wie das Schweizer Bergdorf Vna. Wenn man das unter Freunden beim 3. Bier zum Besten gibt hat man schnell die Lacher auf seiner Seite.
Euer Holgerson

 

Tag 19

Tag 19 (26.06.2013)
Jutsarova - gleich hinter Porjus (Barjas)

Doch, wir befinden uns noch immer in Schweden und nicht in der Tschechischen Republik. Ein schwedischer Ureinwohner samt seinem alkoholisierten Cousin erzählte uns eben, dass die Namen hier Lappischen Ursprungs wären, da wir ja schließlich in Lappland wären. Er macht auch keinen Hehl daraus, dass Schweden die Volksgruppe der Lappen regelrecht hassen würden, da diese ein unangemessenes Anspruchsdenken hätten was die Übereignung von Land und die finanzielle Unterstützung der schwedischen Regierung betrifft. Selbstredend würde erwähnte Kohle natürlich aus Steuergeldern finanziert werden. Wie sich doch die einfachen Wahrheiten in der ganzen Welt ähneln.
Hinter Jokkmokk ändert sich die Landschaft plötzlich. Der dichte Wald weicht zurück und die liegen gebliebenen Kiesel der Eiszeit werden sichtbar. Wenn diese dann noch mit Moosen und Flechten überwuchert sind und alle Nase lang ein Rentier aus’m Wald hüpft hält man es unter laufbedingtem Sauerstoffmangel durchaus für wahrscheinlich, dass der Nikolaus mit seiner Bande und dem Schlitten jeden Moment ums Eck biegt. Das Foto mit den Tierlein gefällt uns ganz besonders gut, da es ein Beweis für deren und unsere Existenz zur gleichen Zeit am gleichen Ort ist. Obwohl, Beweise zu Zeiten von Photoshop…   
Läuferisch war heute ein ambivalenter Tag. Zum einen waren wir stolz auf unseren Schnitt von 5:34min/km über 69 km. Das brummte richtig, wir hatten Rückenwind und konnten schöne lange Schritte mit Becken nach vorn machen. Am Ende zwackte Steffen allerdings der große Zeh, vielleicht gerade wegen des schnellen Schnittes. Wir sind gespannt wie es sich morgen anlässt. Und, good news bezüglich des Rennsteigsouvenirs, das heute ganz friedlich war und nun vielleicht aufgegeben hat mir den Tag zu vermiesen.
Kalorienverbrauch: Da muss ich nun doch mal was zu schreiben. Wenn man den aufgeklärten Ernährungsberater seines Vertrauens befragt meint der, dass ein Mann im Schnitt 2200 bis 2500 kcal pro Tag benötigt, um nicht vom Flesche zu fallen. Nun, da hatte ich schon immer meine Zweifel. Wenn dieser Mensch sich extremen körperlichen Belastungen aussetzt muss davon ausgegangen werden, dass da noch’n bissel was dazu kommt. Mein Garmin sagt mir, dass ich bei unseren Tagesetappen von 66 km ungefähr 5500 kcal verbrauche. Damit mich meine Kinder Mitte Juli auch wieder erkennen, sollte ich diese Menge an Energie wohl auch zu mir nehmen. Seit Sommer 2010 ernähre ich mich ziemlich konsequent low carb. Das bedeutet grob umrissen keine Produkte, die raffinierten Zucker enthalten (ich kann an dieser Stelle unmöglich alle Dinge aufzählen) oder Produkte aus Mehl (Brot, außer Eiweißbrot, Brötchen, Kuchen), aber auch stärkehaltige Produkte wie die gemeine Kartoffel oder die in Läuferkreisen so beliebte Nudel. Ob die gemein zu nennen ist weiß ich nicht. Warum das alles? Kohlenhydrate (carb in English) dieser Art sind nicht gut für die Gesundheit (befördern u.a. Entzündungen, sorgen für eine Achterbahn beim Blutzuckerspiegel, nagen an Gefäßen oder setzen sie zu, machen außerdem moppelig) oder besetzen die Sitzplätze an den roten Blutkörperchen, für die eigentlich die Sauerstoffmoleküle das Ticket gebucht haben. Kein Sauerstofftransport, keine Power im Muskel. Drauf gebracht hat mich ein sehr guter Freund und Kletterpartner, der seinerzeit an Krebs erkrankt war (und der mir leider „abhandengekommen“ ist) und sich über diesen Umstand mit der Materie beschäftigt hat (die Herren Coy und Strunz). Dass wir dabei auch die große Bedeutung für den Ausdauersport (Fettstoffwechsel) für uns entdeckt haben ist eine großartige Sache. Aber zurück zum täglichen Essen. Ich sitze zwar nicht mit dem Taschenrechner hier, weiß aber sehr gut, dass ich keine 5500 kcal zu mir nehme. Mein Energiebedarf ist natürlich höher als dahoam, aber was kann schon drin sein in einem Morgenkaffee, 300g Melone, einer halben Banane, einem halben Apfel, 1l Frubiase, 0,75l Elektrolytflüssigkeit, 300-400g Boulette, Paprika, Gurke, 1,5 Liter Wasser, 2 Tee, 50 g Schokolade mit 80% Kakao?

Steffen,Holger,Elch und viel Staße

Steffen,Holger,Elch und viel Straße      

Tag 18


Jokkmokk-Polarkreis

Der POLARKREIS, eigentlich ja der Inbegriff des Kalten, des hohen Norden. Und wir erreichen ihn bei Sonnenschein, vierundzwanzig Grad, wenig Wind und kaum Mücken. Leute, Leute, was issen nur mit’m Wetter, mit Dingen auf die man sich verlassen möchte, mit Vorurteilen? Nix. Habe gerade mit Andrè telefoniert. Halle, ungefähr 2200 km südlicher, Regen und kalt. Aber nun will ich mal lieber aufhören über’s Wetter zu reden, bin ja schließlich kein Brite.
Ganz sicher gibt es eindrucksvollere Darstellungen, die wichtige geografische Meilensteine markieren als die des Polarkreises. Trotzdem übt sie eine gewisse Anziehungskraft auf einen aus, weil sie nun einmal einen Fakt beschreibt. Denn, sind wir doch mal ehrlich, in Orten wie Wolmirstedt oder Braunsbedra wäre der Hinweis „Achtung, hier Polarkreis“ nicht von Interesse. Weil er eben faktisch falsch wäre. Auch wenn der Hinweis aus purem Gold und noch so geschmackvoll gestaltet ist. Also, insofern könnte hier kurz vor Jokkmokk auch nur ein schlichter Stein im Gras liegen und wir wären trotzdem total fasziniert. Punkt.    
Unsere größte (!) Herausforderung hatten wir heute 2 Minuten vor Ende der Etappe zu bestehen. Es nahte ein Gewitter und Steffen, der alte Hasenfuß meinte, dass er nur wenig Lust hätte vom Blitz getroffen zu werden. Vielleicht hätte das unserem Projekt aber die Spannung zurückgegeben, die es durch 1200 km bereits verloren hat? Nun gut, ehrlich gesagt war ich auch nicht darauf aus den Spannungsprüfer zu spielen und so legten wir einen Schritt zu. Doch dann öffnete sich der Himmel und innerhalb von Sekunden stand uns das Wasser in Socken und Schuhen. Als wir im Auto saßen machten wir ganz schöne Pfützen unter uns, aber wie das hier so ist, schien sehr bald wieder die Sonne. Blessuren gab es weiter keine, klammert man Steffens leicht verdrehtes Knie aus, welches er sich beim Besichtigen einer schönen Felsformation zuzog – nach der Etappe versteht sich. Also, Schuster bleib bei deinen Leisten, geh Laufen und hör auf mit dem Sightseeing. Und was mein Rennsteigaua betrifft, ließ es sich mit der Entscheidung sich zum Guten oder noch Schlechteren zu wandeln erst mal Zeit. Die Partie ging remis aus.
Morgen passieren wir das schöne Städtchen Jokkmokk (Dalvvadis) und streben nach Porjus (Barjas). Seit einiger Zeit tragen die Orte auch noch einen zweiten Namen, eventuell in der Stammessprache einer der beiden Volksgruppen, der Lappen oder Sami. Aber ich werde das sicher noch checken. So, schmücke mich jetzt wie beim Langstreckenflug mit meiner Augenklappe, denn dunkel wird es des Nachts ab sofort nicht mehr, und hüpfe dann ins Bett. Spüre schon gewisse Entzugserscheinung was meine Ernährung mit Frischfisch betrifft. Schaun mer mal was sich da morgen machen lässt.

Achtzehnzwölf! Euer Holgerson.  

Rentier im Fellwechselkleid

Rentier im Fellwechselkleid 

Tag 17

Aberget – mit einem Kringel über dem A

Siebzehn/dreizehn. Das ist nicht etwa ein Handballergebnis sondern beschreibt das Verhältnis gelaufener Tage zu denen, die wir noch vor uns haben. 17:13 und morgen um die Zeit 18:12, und so weiter. Ich finde das eine sehr sympathische Art sich die paar Tage die wir noch vor uns haben klein zu rechnen. Und wie muss da erst 21:9 oder gar 29:1 in uns euphorische Gefühle hervorrufen?
Heute nahm die bereits in einem früheren Bericht erwähnte Dichte an Wohnmobilen rapide zu – vorranging waren sie deutschen Ursprungs. Grund dafür könnte eine Straße sein, die vom Bottnischen Meerbusen kommt. Man käme wohl auch auf finnischem Territorium nach Norwegen und somit ans Nordkap, aber wer weiß…?
Mit dem Strom der Womos kreuzten auch zwei Laktatfreunde aus NRW unseren Weg, die sich mit ihrem Projekt „Für Kids zum Kap“  für den Deutschen Kinderschutzbund radelnd engagieren. Beide starteten in Schwalm, fuhren über Dänemark nach Schweden (erst auf der Straße entlang des Meerbusens, nach mehreren beinah-Unfällen dann doch lieber auf unsere Route), wollen weiter zum Nordkap und fliegen dann vom Norden Norwegens wieder zurück. Nach etwas small talk und gegenseitiger Ablichtung wünschten wir einander gute Fahrt und guten Lauf.
Heute meinte es Petrus ausgesprochen gut mit uns: Rückenwind und 24 Grad bei lockerer Bewölkung. Doch bei Hälfte der Etappe meldete sich bei mir „eine alte Kriegsverletzung“ vom Krieg am Rennsteig. Beim diesjährigen Supermarathon über 72,7km packte mich ca. 8 Kilometer vor Ende des Rennens der Ehrgeiz als mir ein Zuschauer zurief, dass eine Gruppe von drei Läufern nur 30 Sekunden vor mir lag. Wenn ich es schaffe aufzulaufen konnte ich vielleicht noch neunter werden. Gedacht, gemacht, ich hatte zwei von ihnen bei Kilometer 6, ging sofort vorbei (ihr wisst schon, die Psychokiste) obwohl ich schon dunkelblau angelaufen war und biss mir am letzten der Gruppe beinahe die Zähne aus. Der wollte bestimmt auch eine gute Platzierung haben und so war ich bei Kilometer 70 und 71 gezwungen alles, aber auch wirklich alles zu geben. Doch trotz des vielen Adrenalins spürte ich wie ein Schmerz von meinen Lenden rechts unterhalb des Brustkorbes hochkroch und dort stecken blieb. Nach dem Rennsteig habe ich gefaulenzt und gehofft, dass die Sache damit vorbei wäre, doch leider ist sie das nicht. Welcome back pumpkin, und leider habe ich momentan gar keinen Plan was ich da machen soll. Mal sehen was sich mein Körper ausdenkt, ich trinke bis dahin erst mal Tee und grüße alle Leser.

Euer Truman, ähh, Holgerson. 

Kathrin und Xavi 
 

Kathrin und Xavi

Tag 16

Arvidsjaur

Durch einen ausgesprochenen Kraftakt bringen wir die heutige West-Ost Passage von Heden nach Arvidsjaur hinter uns. Bis zum Mittag begleitete uns wieder ein äußerst launisches Wetter, Tief Karin, nehme ich an. Doch dann folgte Hoch Hannes und wir zerfließen beinahe. Jetzt sitzen wir am Arvisdjaursjön und halten die Füße in die Wellen. Wir sind müde, sehr müde und wie Prophet Steffen gestern voraussagte geht es jetzt erst richtig los. In drei, vier Tagen kommt vielleicht ein Punkt an dem uns klar wird, dass es noch sehr, sehr weit ist bis zum Nordkap und wir uns bei zu laufenden 11, 10 oder auch 9 Tagen im projektchronologischen Niemandsland befinden, etwa so wie der FC Schalke in der abgelaufenen Bundesligasaison. Dann müssen wir uns was einfallen lassen, um unser Unterbewusstsein zu überlisten. Eventuell könnte, okay, das klingt ziemlich dämlich, eventuell könnte ein kleines physisches Zipperlein helfen den Fokus auf selbiges zu legen, uns abzulenken von einem so niederen Problem wie unserer MOTIVATION. Gut, dass wir hier nicht bei wünsch-dir-was sind sonst käme ich noch in die Versuchung den Lauf so angenehm wie möglich zu gestalten.
Protokoll der nicht mehr lebendigen Tiere: drei tote Schlangen am Straßenrand. Würde mich nicht wundern wenn die erfroren wären. Zwei tote Spatzen. Hmmh. Ein toter Hecht mit stattlichem Gewicht in der Bratpfanne. Der Verantwortliche dafür ist uns bekannt.  
Zu Beginn meiner Berichterstattung hab‘ ich den interessierten Leser immer mal mit kleineren Laufdaten versorgt. Der nicht interessierte Leser befand sich zu der Zeit dann öfter mal in Böhmen. Um die Sache ganz fett zu machen, A3K-Rodrigo versorgte uns mit einer GPS Uhr, deren Erwerb ich bisher aus verschiedenen Gründen abgelehnt hatte: Kostenfaktor, brauch ich nicht, komme auch mit Pulsuhr und Rad vermessener Heiderunde ans sportliche Ziel. Außerdem merkte ich, dass wenn wir in der Gruppe Longjog machten es bei 3 Uhren 3 verschiedene Werte gab. Da dachte ich mir, das Ding müsste eigentlich genauer sein… Jetzt haben wir es und ich bin froh drum. Das Modell heißt FR 610 und ist von Garmin. Bisher gibt es keinen Grund zu Klagen. Intuitive Menüführung, Touchscreen mit sehr gut funktionierender Haptik und die Buttons mit sattem Druckpunkt. Die Uhr soll 8 Stunden im GPS Modus laufen und tut dies auch. Nach unserem längsten Lauf von 6h52min hatte sie noch 10% Akkuleistung zu bieten. Für uns also genau richtig. Na, und die Auswertung im Rechner mit grafischer Darstellung und anderen Schmeckerchen ist ja auch eine ganz nette Spielerei. Aber der Markt ist groß und ihr lasst euch da besser vom Fachmann beraten.
Was mach´n wir denn morgen? Aufstehen gegen 7 Uhr, Kaffee, Flaschen präparieren, Beißerchen putzen, Anhosen, Start. Meist 8km Abschnitte, dann Trinken und Obst, Arbeitsende gegen 15:30 Uhr. Schlafplatz suchen, Schlafplatz finden, waschen, essen, essen, essen, Blog schreiben, mit Xavi spielen, vom Ziel träumen, lesen, Film gucken, mit den Lieben dahoam telefonieren, Holger nix verstehen wenn Steffen Sonnebergisch spricht. Bett. Gute Nacht.

Euer Holgerson   

Holzfiguren mit Aufschrift Lappland

Willkommen Lappland

Tag 15


Heden, 1000km vor dem Nordkap

Helden in Heden! Ja, uns mein ich. Und erst recht wenn man sieht was heute wieder mal für ein Wetter war: Regen, aber wenigstens warme Temperaturen. Nun, zugegeben, es fühlt sich schon geil an eintausend Kilometer am Stück gelaufen zu sein, auch wenn das n u r die halbe Miete ist. Wie schon erwähnt, das Heute ist unser Jetzt und was morgen wird bleibt abzuwarten.
Noch mal zurück zu gestern. Die Midsommar-Party war dann doch endlich, obwohl ich gegen 23 Uhr noch einem Spektakel besonderer Art beiwohnen durfte. Ich sitze also mal wieder im Führerhaus und lese schwere Literatur, da nähert sich die Jugend des Campingplatzes mit lautem Geschrei. Zwei Kerle und ein Mädchen, welches offenbar von den beiden umgarnt wird, plus Gefolge gehen zum See und hüpfen aus ihren Kleidern. Offensichtlich soll eine Mutprobe folgen, denn anders würde ich die Absicht bei orkanartigem Wind und zarten 10 Grad ins Wasser zu steigen nicht beschreiben wollen. Gut gebrüllt Löwe, könnte man sagen und die Jungs rannten schreiend rein und kamen nach 4 Sekunden brüllend vor Kälte zurück. Draußen stand man dann und schaute auf die Umworbene, die in aller Seelen Ruhe ebenfalls ins Wasser ging und nach 4 Minuten Schwimmens ganz unaufgeregt an Land spülte. Da waren die Kerle aber schon in den warmen Klamotten. Meinen Respekt, meine Liebe!
Mann, das Wichtigste habe ich gestern mit Aussicht auf die kulturelle Abwechslung glatt vergessen. Ich sah beim Laufen den, von dem man weder geknutscht noch getestet werden möchte. Ich sah einen Elch. Der Tatort: gerade Straße im nördlichen Mittelschweden, 150 m voraus. Eine Kuh, offensichtlich, da ohne Kopfschmuck, steigt von rechts sehr langsam aus‘m Gebüsch, schaut, der Verkehrsregeln gewahr, nach links und rechts, läuft auf unsere Spur und verharrt. Eins der beiden Hinterbeine verbleibt dabei in der Luft. Erst denke ich sie nimmt unseren sportlichen Duft war, ist dadurch betäubt oder mindestens irritiert, dann aber höre ich, dass sich ein Auto nähert. Auch dieser Kuh, meinen Respekt! Was für Öhrchen. Was dann folgt erschließt sich mir nicht vollständig. Die Straße zu queren erfordert 5 weitere Elchschritte. Energie für’s Wendemanöver muss nicht aufgebracht werden. Doch, da schau her, die Kuh wendet und geht dahin zurück wo sie einst herkam. Liebe Zoologen, die ihr diesen Blog lest. Warum tut dieses Tier das? Damit ich des Nachts wieder schlafen kann schickt eure Antworten bitte an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.
Euer Holgerson

Porträt Steffen - als Meister der Entspannung

Steffen als Meister der Entspannung

 


 

Tag 14


Sandberget

Midsommar. Wir sind auf einem Campingplatz, der wie immer an einem sehr schönen See liegt und auch Internet für uns parat hält. So kann ich die gesammelten Werke verschicken. Vielleicht werden die Abstände jetzt öfter mal so werden, da unser teurer UMTS-Stick schon nach kurzer Zeit den Geist aufgegeben hat, d.h. er ist leer. Da hätte ich wohl lieber auf Ulfs Empfehlung gehört und einen vom Aldi mitgenommen. Egal, jetzt muss es halt so irgendwie gehen.
Wie gesagt, das Fest der Feste ist da und wir gehen gleich ein wenig feiern, aber ins Haus, denn hier isses wieder übel kalt und windig. Habe vor einer Stunde schon mal die Feierlichkeiten outdoor fotografiert. Sind alle schon ziemlich lustig und das wird ganz sicher so bleiben. Nebenan ist ein Huskyzwinger in dem es weniger lustig zugeht und ganz offensichtlich wohl Streit gibt. Unser Xavi geht aber ganz cool vorbei und wufft nur ganz leicht, beinahe schon etwas arrogant. Ansonsten war die Etappe heute beinhart und Steffen zwickt es unterm Knie. Hoffentlich ist das morgen wieder in Ordnung aber das Adrenalin des 15 (!) Lauftages wird es schon richten. Bergfest! Dann nur noch abwärts mit den Tagen! Mut machen!

Skoll!
Euer Holgerson

unbekannter Vogel als Nachbar in der Wiese

unbekannter Vogel als Nachbar in der Wiese

Tag 13


Storseleby

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Regen, Regen, Regen. Gestern gegen Mitternacht fing es an und dauerte bis heute 13 Uhr. Das Thermometer im Windfang (!) des Toilettenhäuschens zeigte 9 Grad. Also mussten wir umdisponieren und schwänzten den Vormittag. Gegen 18 Uhr waren wir dann fertig und auch fertig. Auch heute wurden wir wieder, besonders durch die Trucks, prächtig geduscht. Unserer Stimmung war das nicht gerade zuträglich und unser ohnehin schon schmaler Laufdialog ging gegen null. Obwohl wir uns auf die Fahnen geschrieben haben nur von Tag zu Tag zu denken (ähnlich wie Comicfigur Ralf nur „von Spiel zu Spiel“ denkt) brauchen wir gerade bei Tagen wie diesen ein Highlight wie das Bergfest. Nu, bald isses ja soweit.
Übernachtungsplätze: Als wir mit der Tortour de Nordkap begannen haben wir häufig auf Rastplätzen geschlafen, die zwar direkt an der Autobahn lagen, jedoch das Niveau eines gepflegten Zeltplatzes hatten: kurzer Rasen, Parkbuchten, sehr ordentliche Toiletten und Übernachtungen im Womo waren kein Problem. Camping ist allerdings verboten. Je weiter wir fahren (nein, keine Angst, es geht nicht schon wieder los mit Monty Pythons Konditionalsätzen) desto weniger Plätze dieser Art gibt es. So müssen wir auf Zeltplätze ausweichen. Auch diese sind gepflegt, kosten allerdings zwischen 6 und 20 Euro, ohne Strom, mit Dusche. Steffen meint, dass es in Deutschland schon noch ein bisserl teurer sei, dennoch versuchen wir auch mal einen Platz ohne Gebühr zu ergattern. Das ist uns heute gelungen, er ist beinahe frei von Mücken und noch dazu ein ganz schöner. Ganz allein ist man trotz des Angebots an Stellplätzen trotzdem nie, da Schweden tausende von Caravan Touristen anzieht. Und gestern war es dann soweit. Einer Fata Morgana gleich sahen wir das beindruckendste Wohnmobil ever. Es glich einer Festung, war riesig und zählte bestimmt tausend Fenster, Luken und Türen. Hinten stand auch drauf wem es gehörte, nämlich der Familie Knaus.
Morgen werden wir das Städtchen Storuman passieren. Leider wird es zu früh sein für eine Übernachtung. Danach kommt wieder nur schwedische Pampa, was insofern schade ist, als dass wir dadurch die Feierlichkeiten zu Midsommar verpassen, die sich traditionell durch Feuer, Musik und viel Feuerwasser auszeichnen. Man könnte also drüber nachdenken, die 15 km zurück zu fahren, die schwedische Sau raus zu lassen und dann am nächsten Tag zum Etappenende des Vortages zurück zu kehren. Da müssen wir wohl mal drüber reden…
Euer Holgerson   

Skoll!
Euer Holgerson

Midsommarspiel- Stiefelzielwurf rückwärts

Midsommarspiel- Stiefelzielwurf rückwärts

Stiefel im Zielkreis

Tag 12

Lappland Outback

Heute fand ich am Straßenrand innerhalb von 50 Metern vier tote Spitzmäuse. Komische Sache, meinte Steffen und ich denke zwischen Kilometer 37 und 38 darüber nach, was passiert sein könnte. Ein Erdbeben (könnte echt sein), eine Fischvergiftung (mmh, eher unwahrscheinlich, da ich weder Angelzeug noch Fischreste gefunden habe) oder ein Greifvogel in der Luft so wie bei IceAge 3, als sich die Opossumse (?) und Elli fallen ließen, um den Geier von ihrer Existenz abzulenken. Da ich aber nach 20 Minuten gedanklich in eine Sackgasse geriet, ließ ich es gut sein.
Die Etappe war hart, sehr hart und das kann man auch in unseren Gesichtern danach sehen. Gestern hatten wir uns in einem Anflug von Euphorie zu einem Schnitt nahe der 5:30min/km hinreißen lassen. Die Quittung dafür bekamen wir heute. Schwere Beine, Adduktorenschmerz und ein Laufstil gegen Ende der Etappe der im Profil betrachtet so aussieht, als würden wir mit Bauchweh kämpfen. Irgendwie haben wir es dann doch geschafft und wissen nun, dass wir derlei Intervalle künftig sicher vermeiden werden, und müssen, denn schließlich feiern wir bald Bergfest (noch drei lange Tage) und auch wenn es dann bergab geht ist der Weg immer noch 1.000 km weit. Darüber will ich jetzt aber lieber nicht nachdenken.
Wir befinden uns nun in der Region Lappland (bitte keine Witze, lieber Frank;-). Irgendwann hatten wir die Gebietsgrenze überschritten, wer aber glaubt, dass uns fortan tausende von Rentieren und Menschen in Trachten entgegen kamen der irrt. Entgegen kam uns nur ein Hund mit Frauchen waagerecht in der Luft, denn als wir beide passierten rastete der Köter total aus und wollte uns ans Wadenbein. Aber Pustekuchen, Freundchen, wir waren schneller und hatten nur einhundert Meter später das Adrenalin auch schon wieder im Griff.
Abschließend wäre noch zu bemerken, dass die Dichte an Wohnmobilien täglich zunimmt je näher wir dem Nordkap kommen, dass im Umkehrschluss aber das urplötzliche Auftreten tausender Wohnmobile, sagen wir schon auf der morgigen Etappe, nicht notwendigerweise bedeuten würde, dass wir bereits am Nordkap wären. Ich gebe zu, das klingt ein wenig nach Monty Python, ihr wisst schon, wie das mit der europäischen Schwalbe.
Einundzwanzig Uhr, Zeit für das Bett. Gesünder kann man kaum leben, oder?
Euer Holgerson

 

Holzhütte -Unteschlupf am Rastpaltz

Holzhütte -Unterschlupf am Rastplatz 

Tag 11

Stornäset

Steffen is not amused! Wir hatten heute 35km ohne jegliche Straßenrandmarkierung. Das ist ziemlich ätzend, da sich so der Asphalt gegen den Straßengraben nur schlecht abhebt. Einen Sturz gab es aber zum Glück nicht. Ansonsten lief es bei uns heute wie beim sprichwörtlichen Länderspiel. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen und die Dehnungsübungen tuen weniger weh als die Tage zuvor. Sollten sich unsere Körper etwa an die Lauferei gewöhnt haben? Ich bin skeptisch was Jubelarien betrifft aber ich denke schon, dass nach 11 Tagen eine Anpassung stattgefunden hat. Ob die sich fortsetzt oder aber kippt wird man sehen.
Auf unserem heutigen Zeltplatz, der wie auch schon andere auf unseren kostenintensiven Schweizer Regionalkarten von Kümmerly und Frey (buhh!) wieder einmal nicht vermerkt war, berichtet uns ein Angestellter, dass vor ein paar Jahren 3 irre Deutsche mit ihren Schwalben (Mopis) von Thüringen ans Nordkap gefahren seien und hier Station gemacht hätten. Dreitausendfünfhundert Kilometer auf einem Gefährt, dass nicht besonders schnell, nicht besonders sicher und nicht besonders bequem ist. Und, äh, zurück musste man ja auch wieder – mit dem Schwälbchen, versteht sich, und nicht mit einer Boing! Da haben wir es leichter, glauben wir, denn wir dürfen einmal zu Fuß und das andere Mal mit dem Auto die Strecke hinter uns bringen.
Schweden soll ja das Land der Myggas sein. Bisher konnten wir das nicht glauben, doch gestern traf es uns mit voller Wucht. Ich hatte nach der Etappe einen Schlafplatz, wie üblich an einem Gewässer, ausbaldowert und holte Kathrin und Steffen nach. Doch gerade als wir den Transporter geparkt hatten kam die Attacke. Sehr viele, sehr hungrige Mücken umschwärmten uns und wir unternahmen nicht einmal den Versuch das bewährte Anti-Brumm (kein Witz, das Zeug heißt so) zu versprühen. Rein ins Auto und weg. Die Alternative war ein Zeltplatz mit phänomenaler Sicht auf einen See und ein Wind, der der kleine Bruder vom Orkan war. Wir nahmen es hin. Später warf ich dann noch mal die Angel in die Pfütze und fing am 10. Lauftag meinen 2. Hecht. An dieser Stelle darf ich Sigi danken, der mir seine Rute anvertraute. Lieber Sigi, Du wirst Deine alte Rute aber nicht wieder sehen. Ich war gezwungen, sie gegen ein jüngeres Modell einzutauschen. Na gut, vielleicht ist eintauschen nicht der richtige Begriff, wichtig ist doch aber, dass es überhaupt wieder eine Angel gibt, oder? Wir sind doch noch Freunde, Sigi?

Haltet Euch im Schatten auf! Euer Holgerson

Steffen - Mückenstich auf dem AUge 
Steffen - Mückenstich auf dem Augenlid

Gras -  wo das wächst ist die Ananas weit

 Gras - wo das wächst ist die Ananas weit

 Berufsperspektiven für Menschen mit Seheinschränkungen