Ostsee-Zeitung 08.03.11 Mit Handicap zurück in den Job
Nach einem Augeninfarkt bekam ein Schwerbehinderter in der Schiffsversorgung Rostock eine neue berufliche Chance.
Von Doris Kesselring
Seehafen – Der 16. Mai vergangenen Jahres war der Tag X im Leben von Roland Welk. Ein Augeninfarkt auf dem rechten Auge warf ihn von heute auf morgen aus der Bahn. Der Sehnerv wird nicht mehr richtig durchblutet und stirbt ab. Die Sicht auf dem Auge ist stark eingeschränkt. Schon zwei Jahre zuvor hatte der 55-Jährige einen Infarkt auf dem linken Auge. "Der war aber nicht so verheerend", sagt Welk im Rückblick. Er konnte plötzlich nicht mehrlesen, schreiben, Auto fahren. Das aber war doch Voraussetzung für den damaligen Leiter der BAMA Werkzeug- und Maschinenhandel GmbH in Stralsund, einer Tochter der Kloska-Group. Fast jeden Tag fuhr der Rostocker nach Stralsund.
Und nun? Alles vorbei. "Mit 55 zu Hause sitzen und nicht mal gucken können – da fällt man in ein tiefes Loch." Aus diesem halfen ihm insbesondere Augenärztin Renate Röpcke und sein Arbeitgeber, Uwe Kloska, wieder heraus. Die Augenärztin Renate Röpcke vermittelte den Kontakt zum Berufsförderungswerk Halle (Saale), das sich seit Jahrzehnten um die Wiedereingliederung Blinder und Sehbehinderter in den Arbeitsmarkt bemüht. Firmenchef Kloska sagte: "Welk, werden Sie gesund, Sie bekommen einen Arbeitsplatz." "Das hat mich unheimlich motiviert", erzählt der Diplomingenieur für Informationstechnik, der seit 1995 als "ein Mann der ersten Stunde" zur Schiffsversorgung Rostock gehört, einem Betrieb, den die Kloska-Group 1994 von der Treuhand übernommen hatte.
Welk fuhr nach Halle, wurde dort untersucht. Prognose: nicht heilbar. Aber mit Hilfsmitteln könne er wieder einem Job nachgehen. Die Rentenversicherung genehmigte Geld für ein Lesegerät, zwei spezielle Monitore und Software, mit denen Texte aus Unterlagen aller Art vergrößert und zum Hören umgewandelt werden können.
Seit fünf Wochen arbeitet Roland Welk wieder. Er leitet die Außendienstler der Schiffsversorgung Rostock an, die "vom Maggiwürfel bis zur Drehbank" alles anbieten, was ein Schiff aber auch an Land viele Firmen benötigen. Welk ist zuständig für den Telefonverkauf und den "Baumarkt", der gleich ans Büro grenzt und als Fachgroßhandel jedes Gewerbe mit Waren – vom Schraubendreher bis Hebegurt und Elektrowerkzeug – versorgt. "Die Einarbeitung war nicht einfach, die Hilfsmittel muss man erstmal begreifen. Aber die Kollegen unterstützen mich, es macht Spaß", sagt der Mann, der sich eigentlich schon auf dem Abstellgleis gesehen hatte.
"Schwerbehindert mit 55, das ist doch in vielen Unternehmen der sichere Weg in die vorzeitige Rente", meint Welk. Sein Chef, Uwe Kloska, schüttelt den Kopf: "Wir haben doch eine Fürsorgepflicht für einen verdienten Mitarbeiter, der Anteil am Erfolg des Unternehmens hat. Er hat doch sein exzellentes Wissen nicht verloren, auch wenn sich das Aufgabenfeld ändert." Eine Denke, die angesichts des Fachkräftemangels um sich greift, wie Dorit Jenß, Teamleiterinim Reha-Bereich der Arbeitsagentur Rostock, beobachtet. 1260 Schwerbehinderte sind im Agenturbezirk, der auch die Landkreise Bad Doberan und Güstrow einschließt, arbeitslos gemeldet. Ihre Lage sei keinesfalls aussichtslos. Es gebe immer wieder Vermittlungserfolge, so Jenß, die als Beispiel das Einrichtungshaus Ikea nennt, das Blinde und Rollstuhlfahrer beschäftigt. Die Eingliederung würde bezuschusst, technische Hilfen bezahlt.
"Die Firma wird finanziell nicht belastet", verdeutlicht Jenß. Dennoch stehlen sich Unternehmen häufig aus der Pflicht. Bei privaten Arbeitgebern liegt die Beschäftigungsquote von Schwerbehinderten in Mecklenburg-Vorpommern bei 3,6 Prozent statt der geforderten fünf. Mehr als 2000 mögliche Pflichtarbeitsplätze sind unbesetzt.Der öffentliche Dienst indes beschäftigt nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lagus) mehr Schwerbehinderte (6,7 Prozent). Hier haben mehr als 5500 Betroffene einen Job, knapp mehr als 4000 Arbeitsplätze müssen für Menschen mit Handicap vorgehalten werden.
In der Schiffsversorgung arbeiten zehn Schwerbehinderte, auf die Firmeninhaber Kloska nicht verzichten möchte. Er hält es für "grob fahrlässig", auf Wissen und Erfahrung einer Fachkraft zu verzichten, wenn sie krank ist, aber mit Hilfen weiter leistungsfähig.
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