Mitteldeutsche Oktober 06 Sehbehinderte und Blinde bei der Havag
Mit der Straßenbahn zu fahren, ist für die meisten Menschen kein Problem. Wer jedoch stark sehbehindert oder gar blind ist, für den kann eine Fahrt mit der Bahn zum Problem werden.
Jamie ertastet Straßenbahn
Von unserer Redakteurin Heidi Pohle Halle/MZ.
Mit der Straßenbahn zu fahren, ist für die meisten Menschen kein Problem. Wer jedoch stark sehbehindert oder gar blind ist, für den kann eine Fahrt mit der Bahn zum Problem werden. Damit das nicht passiert, bietet die Havag regelmäßig Trainingsmöglichkeiten an, auch in der zu Ende gehenden "Woche des Sehens".
Jamie geht langsam an dem großen Tatra Wagen entlang, mit der Hand streicht der kleine Junge über das rot lackierte Blech. Seine Finger suchen den Türöffner, er drückt, und die Tür geht auf. Jamie, sechs Jahre alt und blind, tastet sich von hinten vorsichtig durch die ganze Bahn. Er berührt jede Sitzreihe und gelangt schließlich zur Fahrerkabine. Dort darf er Platz nehmen und sogar das Alarmsignal schrillen lassen. Das findet der Steppke, der sich ein Piratentuch um den Kopf geschlungen hat, ganz toll.
Jamie geht in die erste Klasse des Landesbildungszentrums für Blinde und Sehbehinderte in Neustadt. Das Angebot der Havag, sich an der Endstelle Kröllwitz einmal in aller Ruhe mit Bahn und Bus vertraut zu machen, haben die Schüler gern angenommen, obwohl sie schon oft damit unterwegs waren, wie die pädagogische Mitarbeiterin Diana Franke sagt. Doch ganz geheuer sind die Verkehrsmittel den Kindern noch nicht. Erst kürzlich habe sie wieder erlebt, erzählt sie, wie ängstlich sie noch sind, zum Beispiel beim Einsteigen in die S Bahn.
Ein wenig von dieser Furcht, zum Beispiel vor automatisch schließenden Türen, kann ihnen genommen werden. Und so darf einer nach dem anderen den Öffnerknopf außen am Tatra Wagen drücken und einsteigen. Bei Lukas klappt das gut. Tobias stolpert auf den Stufen, weil er sich am Türgriff nicht festgehalten hat. Er muss die Übung wiederholen. Und Johann, der nicht nur sehr schlecht sieht, sondern auch noch teilweise gelähmt ist, will das Experiment anfangs gar nicht wagen. Doch nach gutem Zureden fasst er Mut – auch ihm gelingt es, ganz allein die Tür zu öffnen und einzusteigen. Ein großes Erfolgserlebnis für ihn und die anderen Kinder.
Aber auch Erwachsene lassen sich von den Havag Mitarbeitern gern unterweisen, die solche Aktionen schon seit 1992 anbieten. Eine Gruppe von Umschülern ist aus dem Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte in der Bugenhagenstraße gekommen. Ein kurzer und ein langer Niederflurwagen, eine Tatrabahn sowie ein Bus stehen bereit. Gelegenheiten, sich damit gründlich vertraut zu machen, gebe es nicht oft, sagt Bastian Pörschmann, der zum Telefonisten ausgebildet wird und einen weißen Stock bei sich hat. Fahrdienstleiter Hartmut Bach erklärt, dass man sich in den Türen von Bus und Bahn nicht einklemmen kann: "Keine Angst, sie gehen sofort von allein wieder auf."
Petra Neumann lässt sich trotzdem zeigen, wo der zweite Öffnerknopf ist, der für die Kinderwagen. Wird der nämlich gedrückt, geht die Tür nicht automatisch zu, sie wird vielmehr vom Fahrer geschlossen. "Das gibt Leuten wie mir mehr Zeit und Sicherheit beim Einsteigen", sagt die junge Frau, die mit ihrer Ausbildung zur Textverarbeiterin fast fertig ist.
Seit ein paar Wochen hat die Mecklenburgerin – die Umschüler kommen aus ganz Deutschland -, Buddy an ihrer Seite. Der Blindenführhund weiß genau, wie er sie sicher zur Bahn geleitet. "Aber das muss man immer wieder trainieren", sagt die 41 Jährige. Sie weiß nun auch, dass in der Bahn Sitze hochgeklappt werden können, damit ihr Hund anderen Fahrgästen nicht im Wege ist. Zum Schluss muss sie selbst noch Fragen beantworten – die Kinder aus Neustadt wollen alles über Buddy wissen. Streicheln dürfen sie den Hund natürlich auch.
Aktion - Fünfte Auflage
Die bundesweite Woche des Sehens findet zum fünften Mal statt. Es wird geschätzt, dass weltweit mehr als 45 Millionen Menschen ihr Augenlicht verloren haben, in Deutschland sind es über 140 000, davon leben rund 4 500 in Sachsen-Anhalt.









