Volksstimme Magdeburg 29.07.2006 - Tiergarten in Halle hat Informationssystem für Sehbehinderte
Tiere im Zoo mit Fingerspitzengefühl erkennen
Von Sandra Hänel (ddp)
Seine dicken Lippen presst Satcho fest gegen das Glas seines Geheges. Der 33 Jahre alte Schimpanse flirtet mit der Zoobesucherin Conna Dinter. Die gebürtige Bremerin ist ebenfalls dicht an das Fenster herangetreten, um den Menschenaffen irgendwie spüren zu können. "Sehen kann ich nicht", sagt die zierliche Frau. Die 43-Jährige trägt eine farbig getönte, modische Sonnenbrille, am Riemen ihrer Umhängetasche steckt ein gelber Button mit drei schwarzen Punkten, das Symbol für Blindheit. Während die übrigen Besucher Affen, Tiger, Schlangen und die anderen Tiere vor allem visuell erfassen, tastet die an Glaukom, dem Grünen Star, erkrankte Frau jede mögliche Auskunft im Zoo von Halle mit ihren Fingerspitzen ab.
Wie groß und wie alt können Affen wie Satcho werden? Wo ist sein natürlicher Lebensraum? Einen Überblick über die wichtigsten Eigenheiten der Gattung kann sich Dinter ohne fremde Hilfe mit dem Abtasten einer Hinweistafel verschaffen. Von links nach rechts befühlt sie eine Folie mit einem speziellen Code, der Braille- oder auch Blindenschrift. Dabei handelt es sich um ein Punktmuster, das als Erhöhung mit den Fingern abgegriffen werden kann. Der 105 Jahre alte Bergzoo in Halle habe bereits 35 Gehege mit den tastbaren Schrifttafeln ausgerüstet, erzählt Mitarbeiterin Anke Wehling. Als nächstes werde die neue Elefantenanlage vom fünfjährigen Elefantenbullen Abu und seiner 22 Jahre alten Mutter Sabi mit dem Infosystem ausgestattet. Nach und nach sollen noch mehr Tafeln mit Punktschrift angebracht werden, dass möglichst viele der rund 300 Tierarten besser für die blinden und sehbehinderten Gäste begreifbar werden. Dinter zeigt sich von dem Angebot begeistert: "Nicht auf andere angewiesen zu sein, die vorlesen, sondern dass man selbst aktiv werden kann, gibt mir ein gutes Gefühl der Unabhängigkeit", sagt sie.
Die Info-Tafeln vermitteln Basiswissen. Weiterführende Auskunft geben Ordner, die auch in Punktschrift verfasst sind und an der Kasse ausgeliehen werden können. Der Service wurde in Zusammenarbeit mit dem Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte in Halle (BFW) geschaffen. Er sei einmalig in den Zoos der Region, sagt BFW-Mitarbeiterin Michaela Ferl, die an der Umsetzung des Projektes beteiligt ist.









