Mitteldeutsche 20.05.06 Lesen mit den Fingerspitzen

Hinweise im Zoo nun auch in Punktschrift für blinde und sehbehinderte Besucher


von Redakteurin Heidi Pohle

Mit den Fingerspitzen tastet Jennifer Sonntag die Tafeln am Löwenkäfig ab. Stück für Stück von links nach rechts. Unter angekommen, weiß sie das Wichtigste über das Tier mit der mächtigen Mähne, das im Raubtierhaus des Zoos lebt. Die junge Frau ist blind. Durch die Punktschrift kann sie ohne fremde Hilfe Informationen sammeln.

Gemeinsam mit dem Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte Halle hat der Zoo diese Möglichkeit geschaffen. Nach und nach werden alle Gehege und Käfige mit der speziellen tastbaren Schrift versehen. Jennifer Sonntag, die im Berufsförderungswerk als Sozialpädagogin arbeitet, war an dem Projekt beteiligt. Gestern nun hat sie es mit Frauen und Männern, die aufgrund von Sehbehinderungen umgeschult werden, getestet. "Das gibt Menschen wie mir ein Stück mehr Unabhängigkeit", sagt die 27-jährige Hallenserin, die vor 3 Jahren durch eine Augenkrankheit erblindet ist.

Neben der speziellen Schrift bietet der Zoo auch extra Führungen an. Jutta Heuer betreut die Gruppen. "Wir gehen vor allem zu Tieren, die angefasst werden können", erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin. Gestern hatte sie eine Schildkröte, einen jungen Pinguin und eine Schlange ausgesucht.

Der Kontakt mit den Tieren ist für Jennifer Sonntag ein besonderes Erlebnis. Vorsichtig lässt sie sich die Schildkröte auf die Hand setzen, befühlt den dicken Panzer, die zappelnden Beine. Kuschelig weich fühle sich das Federkleid von Momo, dem 6 Wochen alten Pinguin an. "Welche Farbe hat es denn?", will sie wissen. Grau, lautet die Antwort. Auch vor dem Tiger-Python, der einen Meter lang ist, haben die Besucher keine Scheu. Angela Fischer vom Blinden- und Sehbehindertenverband ist begeistert von den Tieren, die neuen Tafeln findet sie gut: "Nun muss ich mir nichts mehr vorlesen lassen." Der Besuch endet im Krokodilhaus, wo ein Krokodil angefasst werden kann – aber das ist nur aus Plaste.

Mitteldeutsche Zeitung, Sonnabend, 20. Mai 2006

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