Mitteldeutsche 07.06.05 Wotan findet auch den Weg zum Taxi
Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte
Halle/MZ/kpa. Unruhig blickt Wotan in die Runde. So viele Menschen! Auch Claudia Jeske ist aufgeregt. Immerhin warten rund zwei Dutzend Leute darauf, mit der 30-Jährigen und ihrem Hund eine Runde durch das Gelände des Berufsförderungswerkes für Blinde und Sehbehinderte (BFW) zu gehen. Die Wolfenerin, die zum Tag der offenen Tür nach Halle gekommen ist, kann ihre Gäste nicht sehen: Ihre Augen können nur noch hell und dunkel unterscheiden.
Mario Vollmar, Orientierungs- und Mobilitätstrainer am BFW, beruhigt den fünf Jahre alten braunen Labrador, und es kann losgehen. "Such Treppe!", gibt Claudia Jeske leise den Befehl an den Hund. Der führt sie sicher über Stufen und Bordsteinkanten bis zum Café, wo Wotan seiner "Chefin" einen freien Sitzplatz anzeigt. "Wotan würde mir auch den Weg zu Taxi oder Briefkasten weisen", erklärt Claudia Jeske den Umstehenden.
Die Tour mit einem Blindenführhund war nur eines der vielen Angebote, die die Besucher mit dem Alltag Sehbehinderter bekannt machen sollte. So konnte man einen Blick in die Werkstätten werfen oder einen Rundgang durch die sensorische Welt erleben. Einige Sehbehinderte nutzten die Gelegenheit zu einer Tandemfahrt.
Großen Anklang fand ein Forum zum Thema altersbedingter Makuladegeneration. Augenärzte der Uni Halle, Reha-Experten und Augenoptiker gaben Ratschläge zu Behandlung, Hilfsmitteln und Rehabilitation. "Der Bedarf an Information ist groß", erklärte BFW-Geschäftsführer Robert Bonan.
Im BFW bereiten sich, so Bonan, etwa 150 Rehabilitanden auf den Wiedereinstieg ins Berufsleben vor. "Wir praktizieren dabei handlungsorientiertes Lernen, denn jeder unserer Rehabilitanden hat ja bereits Erfahrungen in seinem Beruf", so Bonan. Gesetzliche Änderungen im Sozialbereich, die auch die Arbeitsvermittlung Behinderter betreffen, lassen aber einen Einbruch in der Belegung des BFW befürchten. "Noch sind Entlassungen für uns kein Thema", sagt Bonan, der zum Ende des Tages aus dem Tombola-Erlös 1 100 Euro an den Verein zur Förderung krebskranker Kinder übergeben konnte.









